La Bijouterie Sauvage
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Wer sich in La Chaux-de-Fonds verloben will und keine Lust auf eine Vitrine mit Fassungen von der Stange hat, landet früher oder später bei der Bijouterie Sauvage. Das Atelier von Ariane Schindler und Léone Landwerlin an der Rue Numa-Droz 5 nennt seine Linie «Bijoux du vivant», Schmuck aus dem Lebendigen: Zweige, Blätter, Insekten und sogar Knochen werden abgeformt und zu Ringen, Colliers und Ohrsteckern. Ihr Verlobungsring entsteht hier nicht aus einem Katalog, sondern aus einem Naturfund, den das Paar selbst mitbringt, sei es ein Ast vom Lieblingsbaum, eine Muschel vom Ort des ersten Kusses oder ein Blatt, das für die Beziehung steht. Rund um dieses Prinzip haben Schindler und Landwerlin ein ganzes Sortiment gebaut, von fixfertigen Kollektionsstücken bis zur vollständigen Massanfertigung.
Wie die Massanfertigung funktioniert
Auf der Seite «Alliance sur-mesure» beschreibt das Atelier den Ablauf in vier Schritten. Zuerst meldet man sich telefonisch oder über das Kontaktformular, um einen Termin zu vereinbaren. Beim ersten Treffen, ausdrücklich unverbindlich, sprechen die beiden Bijoutières mit dem Paar über das Projekt, die Wünsche und das Budget. Danach beginnt, wie die Website es nennt, die «chasse au trésor», die Schatzsuche: Das Paar sammelt selbst das Naturobjekt, das abgeformt werden soll, und bekommt dafür sogar einen eigenen kleinen Leitfaden zur «chasse aux alliances» zum Herunterladen. Erst dann fertigt das Atelier die Ringe an, die das Paar anschliessend im Atelier in La Chaux-de-Fonds persönlich abholt. Wer sich für ein bestehendes Kollektionsmodell entscheidet, aber Material, Steinbesatz oder eine Gravur ändern will, kann stattdessen die «demi-mesure» wählen, eine Zwischenlösung zwischen Fertigring und komplettem Unikat.
Als Beispiele für bereits realisierte Trauringe nennt die Website unter anderem einen Buchenzweig mit Innengravur in Platin 950, einen Stieleichenzweig in grauem Gold 750 Eco, ein Ginkgoblatt mit Saphir und Rubin in grauem und gelbem Gold 750 Eco sowie ein Efeublatt in recyceltem Gelbgold 750, dessen Material aus einem geerbten Chevalière-Ring der Kundin stammt. Für alle Kollektionsstücke gilt laut FAQ eine Fertigungszeit von rund 3 Wochen, weil jedes Stück eine Vorbestellung ist und von Hand hergestellt wird. Bei einer echten Massanfertigung kommt die Zeit für das erste Gespräch und die Naturfundsuche noch dazu, konkrete Fristen dafür nennt die Website nicht.
Material ist bei der Bijouterie Sauvage fast immer Silber 925, das eigenen Angaben zufolge unbehandelt bleibt und mit der Zeit dunkel anläuft, statt rhodiniert zu werden. Die Werkstatt begründet das damit, dass sie die natürliche Oxidation des Silbers bewusst nutzt, um Tiefe und einen rauen Charakter in die Motive zu bringen. Vergoldungen sind als Aufpreis erhältlich und werden laut eigener Angabe fünf Mikron dick aufgetragen, massives Gold ist auf Anfrage ebenfalls möglich, ebenso Platin. Jedes Stück trägt zwei Punzen, den Feingehaltsstempel und ein eigenes Meisterzeichen, das beim Contrôle des Métaux Précieux, der Schweizer Edelmetallkontrolle, registriert ist. Diese Registrierung ist auf der Website ausdrücklich als Qualitätsmerkmal genannt, nicht nur als Formsache.
Zwei Ausbildungen und ein gemeinsames Handwerksverständnis
Ariane Schindler und Léone Landwerlin haben beide an der Ecole d'Arts Appliqués de La Chaux-de-Fonds, der örtlichen Kunstgewerbeschule, ihre Ausbildung zur Bijoutière abgeschlossen. Ihr Atelier beschreibt sich selbst als in der Wiege der Schweizer Uhrmacherei gelegen, eine bewusste Anspielung auf die Region, auch wenn ihr eigenes Handwerk Schmuck und nicht Uhren ist. Wichtiger als diese Ortsbezeichnung ist, wie ernst die beiden das Thema Herkunft nehmen: Laut eigener Aussage arbeiten sie mit Lieferanten, die Rückverfolgbarkeit und ethische Standards für ihr Rohmaterial garantieren, und jedes Stück trägt neben dem Feingehaltsstempel ein eigenes, bei der Schweizer Edelmetallkontrolle registriertes Meisterzeichen, eine Absicherung, die bei einem noch jungen Handwerksbetrieb keineswegs selbstverständlich ist.
Die Naturfund-Idee beschreibt die Website selbst mit spürbarem Humor: Als mögliche Ausgangsobjekte für eine Massanfertigung nennt das Atelier unter anderem eine Muschel, die an einen geliebten Ort erinnert, einen Milchzahn des verstorbenen Hundes oder sogar eine Gewürzgurke, die Möglichkeiten seien praktisch grenzenlos. Das zeigt, wie wörtlich Schindler und Landwerlin ihr Konzept "Bijoux du vivant" nehmen: Es geht nicht nur um Blätter und Zweige, sondern um praktisch jedes Objekt, das für ein Paar eine Bedeutung hat.
Im kantonalen Vergleich unterscheidet sich das deutlich von den grossen Goldschmiedeadressen an der Zürcher Bahnhofstrasse oder den Marken-Boutiquen in Genf: Statt Diamant-Solitäre nach internationalem Standard zu zeigen, arbeitet die Bijouterie Sauvage mit einer klar regionalen, botanisch-naturkundlichen Formensprache, die im Neuenburger Jura verwurzelt ist und sich bewusst von der urbanen Vitrinenware abhebt. Für ein Paar, das seinen Ring nicht im gleichen Design wie tausend andere sehen will, ist genau das der Grund, den Umweg über den Jura in Kauf zu nehmen.
Anreise und wo man die Ringe sonst noch findet
Das Atelier-Boutique an der Rue Numa-Droz 5 (Zugang über die Rue du Coq, gegenüber der Hausnummer 16c) ist regulär nur dienstags von 11 bis 18.30 Uhr geöffnet, ausserhalb dieser Zeit nur nach Vereinbarung. Wer nicht spontan vorbeikommen kann, sollte den Besuch also vorher telefonisch oder per Kontaktformular fixieren. Eine eigene Filiale ausserhalb von La Chaux-de-Fonds führt die Bijouterie Sauvage nicht, wer aber gar nicht anreisen will, kann sich ein Kollektionsstück dank Gratisversand ab einer Bestellung von CHF 300 auch in die ganze Schweiz schicken lassen. Für den persönlichen Besuch sind ihre Kollektionsstücke zudem bei mehreren Wiederverkäufern in der Romandie und im Jura erhältlich, unter anderem bei Downtown Bijoux in Neuenburg, bei Atelier 9 in Genf, bei L'Estérel Fleurs in Lausanne, bei La Petite Fleureuse in Mézières, bei La Lisière in Yverdon-Les-Bains, bei Déco fleurs in Châtel-Saint-Denis und bei L'éthique'tte in Saignelégier im Kanton Jura, dazu am MUZOO gleich in La Chaux-de-Fonds selbst. Für individuelle Verlobungsringe nach Mass führt an einem persönlichen Termin im Atelier selbst allerdings kein Weg vorbei, die Wiederverkaufsstellen zeigen nur die bestehenden Kollektionen.
Die passende Zielgruppe
Am besten passt die Bijouterie Sauvage zu Paaren, die einen Ring mit einer echten persönlichen Geschichte suchen, geknüpft an einen Ort, eine Pflanze oder ein Fundstück, und die bereit sind, dafür Zeit und einen Werkstattbesuch zu investieren statt eines fertigen Kaufs übers Internet. Auch wer Wert auf nachhaltige Materialien legt, recyceltes Silber und Gold sowie nachweislich rückverfolgbare Lieferanten, findet hier eine der konsequenteren Adressen dieser Liste. Weniger geeignet ist das Atelier für alle, die kurzfristig einen fertigen Ring kaufen und tragen wollen: Selbst reguläre Kollektionsstücke sind laut eigener Auskunft Vorbestellungen mit rund 3 Wochen Lieferzeit, und laut den eigenen Verkaufsbedingungen sind Ringe und Massanfertigungen ausdrücklich vom Rückgaberecht ausgeschlossen, während normale Bestellungen sonst innerhalb von 5 Tagen zurückgegeben werden können. Auch die Gratislieferung greift erst ab einer Bestellung von 300 Franken, und wer per Banküberweisung zahlt, muss den Betrag innert 7 Werktagen begleichen, bevor das Paket überhaupt verschickt wird.
Diese Einschränkungen sind der Preis für ein Konzept, das konsequent auf Einzelanfertigung statt auf Lagerware setzt. Rechtlich steht hinter dem hübschen Werkstattnamen eine ganz reguläre Kollektivgesellschaft, Ariane & Léone Bijoutières Créatrices SNC, im Handelsregister unter der Nummer CHE-304.412.171 eingetragen, mit eigenem Meisterzeichen bei der Edelmetallkontrolle. Ein Gütesiegel, das bei einem kleinen, erst wenige Jahre alten Handwerksbetrieb keineswegs selbstverständlich ist und das dem Ring aus dem Jura dieselbe rechtliche Absicherung gibt wie einem Kauf bei einem grossen Zürcher Traditionshaus. Wer bereit ist, für diesen persönlichen Weg einen Umweg über den Neuenburger Jura zu fahren und die Wartezeit einzuplanen, bekommt dafür einen Ring, den es kein zweites Mal gibt.